Geiselstellungen von der Antike bis zur Neuzeit

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Name
 
1488 Geiselstellung an Lodovico Orsi und seine Gefolgsleute durch Caterina Sforza
Name
1488 Geiselstellung an Lodovico Orsi und seine Gefolgsleute durch Caterina Sforza
Vorausgegangener Konflikt
Einverleibung Forlis durch Girolamo Riario della Rovere
Datum/Zeitangabe
1488
Inhalt/Kommentar
Girolamo Riario della Rovere hatte durch seinen Onkel Papst Sixtus IV. (Francesco della Rovere) als Generalkapitän der Kirche 1473 zunächst das ehemalige Kirchenlehen Imola erhalten, dessen Erwerb durch die Heirat Riarios mit Caterina Sforza, einer unehelichen Tochter Galeazzo Maria Sforzas († 1476) gesichert werden sollte. Dies rief den Widerstand Lorenzo de Medicis hervor, gegen welchen Riario mehrfach u.a. im Rahmen der Pazzi-Verschwörung integrierte.
Durch die dort tobenden innenpoltischen Konflikte gelang es ihm zudem 1480 die Herrschaft über Forli zu übernehmen, was den Widerstand der dort führenden Patrizierfamilie hervorrief. Mit dem Tod Sixtus IV. verlor der Herr von Imola und Forli seinen Schutzherrn und sah sich in der Folge mit wachsendem Widerstand konfrontiert.
Insbesondere durch seinen despotischen Herrschaftsstil wie auch die drückende Steuerlast unbeliebt, wurde er von Mitgliedern der Orsi-Familie 1488 in seinem Palast getötet und seine Frau wie seine Kinder gefangen genommen. Den Leichnam warf man aus dem Fenster auf die sich davor befindliche Piazza. Schnell versuchten die Verschwörer sich der Stadt und vor allem der Festung Rivaldino zu bemächtigen, die von Tommaso Feo, einem loyalen Gefolgsmann der Familie gehalten wurde. Caterina bot daraufhin an, sich in die Festung zu begeben und den Kastellan zur Übergabe zu bewegen. Hierfür stellte sie ihre Kinder als Geiseln, so dass die Orsi zustimmten. Kaum in der Festung angekommen, verweigerte sie allerdings die Übergabe und forderte die Einwohner Forlis auf Widerstand zu leisten. Auf die Drohung die Geseln zu töten, hob sie auf der Wehrmauer stehend, der Überlieferung nach, ihre Röcke und sagte, dass sie jederzeit neue Kinder bekommen könnte. Die Unterstützung seitens der Büregrschaft aber insbesondere die anrückenden Truppen ihres Vaters wie die ausbleibende Unterstützung seitens der Medici veranlassten die Verschwörer die Geiseln freizulassen und ins Exil zu fliehen.
Caterina Sforza übte im Anschluss die Herrschaft für ihren Sohn Ottaviano aus, bis Imola und Forli durch Cesare Borgia erobert wurden.
Quellenangabe
 
#1
Quellenangabe
Machiavell, Discorsi, III,6:35
Quellentext
Ammazzarono alcuni congiurati Forli vesi il Conte Girolamo loro Signore, pre sono la moglie e i figliuoli ch'erano piccoli; e non parendo loro poter vivere sicuri se non s'insignorivano della Fortezza, e non volendo il castellano darla loro, Madonna Caterina (che così si chiamava la Contessa) promise a congiurati, se
la lasciavano en trare in quella, di farla consegnare loro, e che ritenessino appresso di loro i suoi figliuoli per istatichi. Costoro sotto questa fede ve la lasciarono entrare; la quale come fudentro, dalle mura rimproverò loro la morte del marito, e minacciogli d'ogni qualità di vendetta. E per mostrare che de' suoi figliuoli non si curava, mostrò loro le membra genitali, dicendo che aveva ancora il modo a rifarne. Così costoro scarsi di consiglio, e tardi avvedutisi del loro errore, con un perpetuo esilio patirono pene della poca prudenza loro.
Übersetzungen
In solchen Fällen kann man sicher den Verschworenen keine Schuld geben, denn sie können nichts dagegen tun; lassen sie aber aus Unklugheit oder Nachlässigkeit eines der bestimmten Opfer am Leben, so verdienen sie keine Entschuldigung.. Einige verschworene Forliveser ermordeten ihren Herren, den Grafen Girolamo und bemächtigten sich seiner Gattin und seiner noch kleinen Kinder. Da sie nun ihres Lebens nicht sicher zu sein glaubten, wenn sie die Festung nicht in ihre Gewalt bekämen, und der Kastellan sie nicht übergeben wollte, so versprach Madonna Caterina, so nannte sich die Gräfin, sie wolle ihnen die Festung ausliefern lassen, wenn sie ihr erlaubten, hineinzugehen, unterdessen könnten sie ihre Kinder als Geiseln zurückbehalten. Auf dies Versprechen hin ließ man sie hineingehen. Kaum aber war sie drinnen, als sie ihnen von der Mauer herab die Ermordung ihres Gemahls vorwarf, die furchtbarste Rache drohte und, um zu beweisen, wie wenig sie sich um ihre Kinder bekümmere, mit den Worten ihre Geschlechtsteile zeigte, sie habe noch das Mittel, andere zu bekommen. Die Verschworenen, ohne sich raten zu können und zu spät ihren Fehler einsehend, litten in ewiger Verbannung die Strafe ihrer Unklugheit.
(Niccolò Machiavelli: Vom Staate. Vom Fürsten. Kleine Schriften, übersetzt von Johann Ziegler und Franz Nicolaus Baur. Hamburg 2010, S. 293-294.)
Literatur (Auswahl)
Breisach, Ernst: Caterina Sforza: A Renaissance Virago. Chicago 1967, S. 103.
Lev, Elizabeth: The Tigress of Forli: Renaissance Italy's Most Courageous And Notorious Countess, Caterina Riario Sforza De' Medici. Boston 2011.
Gundersheimer, RQ 47 (1994), 40-41
Akteur
 
#1
Name, Titel/Rang
Lodovico Orsi
Rolle
Vertragspartner
 
#2
Name, Titel/Rang
Cecco Orsi
Rolle
Vertragspartner
 
#3
Name, Titel/Rang
Lodovico Pansecco
Rolle
Vertragspartner
 
#4
Name, Titel/Rang
Giacomo Ronchi
Rolle
Vertragspartner
 
#5
Name, Titel/Rang
Caterina Sforza, Herrin von Forli und Imola (†1509)
Rolle
Vertragspartner
Zugehörigkeit
Ehefrau von Girolamo Riario della Rovere
Dynastie
Sforza
Religiöse Konstellation
innerchristlich
Art der Übereinkunft
Garantie/Bürgschaft
Ort der Geiselstellung
Forli
Geltungsbereich
Forli
Weitere Sicherheitsinstrumente
Befristung
Nein
Anzahl der Geiseln
6
Personenangaben zu den Geiseln
 
#1
Name, Titel
Bianca Riario (*1478, † nach 1522)
Zugehörigkeit
Herrschaft Forli und Imola
Geschlecht
weiblich
Alter
10
Stand
Adel
 
#2
Name, Titel
Ottaviano Riario († 6. Oktober 1523), Herr von Imola und Forli (1488 – 1499), später Bischof von Volterra und Viterbo
Zugehörigkeit
Herrschaft Forli und Imola
Geschlecht
männlich
Alter
9
Stand
Adel
 
#3
Name, Titel
Cesare Riario (†1540), Erzbischof von Pisa und Lateinischer Patriarch von Alexandrien
Zugehörigkeit
Herrschaft Forli und Imola
Geschlecht
männlich
Alter
7
Stand
Adel
 
#4
Name, Titel
Giovanni Livio Riario († 1496)
Zugehörigkeit
Herrschaft Forli und Imola
Geschlecht
männlich
Alter
4
Stand
Adel
 
#5
Name, Titel
Galeazzo Maria Riario († 1557)
Zugehörigkeit
Herrschaft Forli und Imola
Geschlecht
männlich
Alter
3
Stand
Adel
 
#6
Name, Titel
Francesco Riario († nach 1509), Bischof von Lucca
Zugehörigkeit
Herrschaft Forli und Imola
Geschlecht
männlich
Alter
1
Stand
Adel
Antritt der Vergeiselung
ja
Aufenthaltsort der Geiseln
Forli
Unterbringung/Verwahrung
in der direkten Nähe der Verschwörer
Schicksal der Geiseln
Terminus