Geiselstellungen von der Antike bis zur Neuzeit

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Name
 
0873 Geiselstellung an die Friesen durch die Truppen Rodulf Haraldsons
Name
0873 Geiselstellung an die Friesen durch die Truppen Rodulf Haraldsons
Vorausgegangener Konflikt
Plünderung verschiedene Dörfer in Friesland durch Rodulf Haraldson und seine Männer sowie Einforderung des Danegelds
Datum/Zeitangabe
Juni 873
Inhalt/Kommentar
Obwohl sein Vater Harald der Jüngere († nach 864) und sein Onkel Rorik von Dorestad († ca. 880) Lehnsmänner sowohl von Karl dem Kahlen (†877) als auch von Ludwig dem Deutschen (†876) waren und letzterem erst im Mai 873 erneut unter der Stellung von Geiseln (siehe Eintrag „Geistelstellung an Ludwig den Deutschen durch Rorik) den Lehnseid geleistet hatten, griff Rodulf Haraldsson (†873) bereits im Juni 873 erneut Friesland an. Er landete mit seinen Schiffen in Ostergo, der Grafschaft Albdags, an und verlangte Danegeld. Die Friesen verweigertem ihm dieses, laut den Fuldaer Annalen unter Berufung auf Ludwig und seinen Söhnen, dem sie als einziges zu Treue und Tribut verpflichtet wären. In den darauf entstehenden Kämpfen kommen Rudolf Haraldson und Teile seiner Truppen (Angaben variieren zwischen 500-800 Männern) ums Leben, die Überlebenden flüchten sich in ein nicht näher beschriebenes Gebäude.
Auf Anraten eines zum Christentum übergetretenen, nicht namentlichen genannten Normannen, der die Friesen im Kampf angeführt hatte, nehmen die Friesen eine unbestimmte Anzahl Geiseln. Erst nach Geldzahlungen und einem Eidschwur, die Lande Ludwigs des Deutschen nicht wieder zu betreten, werden die Geiseln freigelassen. Die normannischen Truppen ziehen sich daraufhin zurück.
Die Fuldaer Annalen erwähnen einen weiteren Angriff auf die Westfriesen im Jahr 876, der von diesen zurückgeschlagen wurde und außerdem den Normannen ihre bis dahin erbeutete Schätze kostete. Wer diesen anführte wird leider nicht beschrieben.
Warum Rodulf trotz des vorher erfolgten Lehensschwures seiner beiden engen Verwandten zu weiteren Raubzügen aufbrach, kann nicht einwandfrei geklärt werden. Die Annalen von St. Bertin erwähnen ein Treffen Roriks und Rodulfs mit Karl dem Kahlen im Jahr 872, bei dem Rorik reich beschenkt wird ob seiner Treue, Rodulf jedoch aufgrund angeblicher Intrigen gegen Karl und seiner immensen Forderungen fortgeschickt wird. Der König warnt daraufhin seine Truppen vor Rodulf und lässt sie sich zum Kampf gegen ihn bereithalten. Dies könnte als Zeugnis seines Zerwürfnisses mit Karl dem Kahlen und wahrscheinlich auch seinem Bruder Ludwig dienen. Eine weitere Theorie besagt, dass er sich mit Ludwigs Sohn Karlmann gegen diesen verbündet hatte.
Quellenangabe
 
#1
Quellenangabe
Annales Fuldenses sive Annales regni Francorum orientalis, MGH, SS rer. Germ. 7, S. 80-81.
Quellentext
Mense Iunio Hruodolfus quidam Nordmannus de regio genere, qui regnum Karoli praedis et incendiis saepe numero vastaverat , classem duxit in regnum Hludowici regis , in comitatum videlicet Albdagi missisque nuntiis praecepit habitatores loci illius tributa sibi pendere. Qui cum espondissent se non debere tributa solvere nisi Hludowico regi eiusque filiis et se nequaquam in hoc negotio ei assensum esse praebituros, ille vehementer iratus iuravit prae n superbia se cunctis maribus occisis mulieres et parvulos cum omni substantia (eorum) [illorum] in captivitatem esse ducturum, ignarus vindictae, quae eum de caelo erat secutura. Statimque terram illorum ingres sus bellum adversus eos instauravit. Illi autem Dominum invocantes, qui eos saepius (liberaverat) ab hostibus [liberaverat], hosti infestissimo armati occurrerunt, consertoque proelio ipse Ruodolfus cecidit primus et cum eo octingenti viri; ceteri vero, cum ad naves effugere non potuissent, in quodam aedificio se tutati sunt. Quod Frisiones obsidentes conferebant ad invicem, quid de eis facere debuissent; cumque diversi diversa dixissent, unus Nordmannus, qui christianus effectus longo tempore cum eisdem Frisionibus conversatus est et eiusdem certaminis duxerat, ceteros hoc modo affatus est: 'O boni commilitones, sufficit nobis huc usque pugnasse, quia, quod modo nos pauci contra plurimos praevaluimus hostes, non nostris deputandum est viribus, sed Dei gratiae. Scitis etiam, quod oppido lassi sumus et plurimi nostrum graviter vulnerati; isti autem, qui hic intus latitant, in desperatione positi sunt. Si contra eos pugnare coeperimus, non eos sine cruenta obtinebimus victoria; si autem illi fortiores extiterint, – varius enim eventus est proelii, – forsitan nobis expugnatis securi discederit iterum nocituri. Consultius ergo mihi videtur, ut obsides ab eis accipiamus et quosdam ex illis inlaesos a abire patiamur ad naves et obsides Interim retineamus, donec mittant universam pecuniam, quam in navibus retinent, prius tamen praestito (iuramento) [sacramento], ne ultra in regnum Hludowici regis redeant. Huius itaque consilio ceteri consenserunt et obsidibus acceptis quosdam ad naves ire permiserunt. Illi autem miserunt pecuniam multam valde et obsides, quos dederant, receperunt, prius tamen, ut dixi, praestito sacramento, ne ultra in regnum Hludowici regis redirent.
Ac deinde cum magna confusione ac sui detrimento, etiam sine duce a finibus illis discesserunt.
Übersetzungen
Im Juni führte Hruodolf, ein Normanne aus dem königlichen Geschlecht, der das Reich Karls mit Raub und Brand oft heimgesucht hatte, eine Flotte in das Reich des Königs Ludwig, in die Grafschaft Albdags, schickte Boten aus und befahl den Bewohnern jener Gegend, ihm Tribut zu zahlen. Als diese erwiderten, sie würden Tribut nur dem König Ludwig und dessen Söhnen zahlen und keinesfalls in dieser Sache ihm zu Willen sein, schwur jener heftig erzürnt in seinem Frevelsinn, er werde alle Männer umbringen und Weiber und Kinder mit all ihrer Habe in die Gefangenschaft führen, ohne Ahnung der Rache, welche ihn vom Himmel treffen würde. Und sogleich drang er in ihr Land und begann gegen sie den Krieg. Doch jene rückten unter der Anrufung Gottes, der sie öfter vor ihren Feinden bewahrt hatte, bewaffnet dem schlimmen Feinde entgegen, und als sich ein Treffen entspann, fiel Hruodolf selbst zuerst und mit ihm 800 Männer, die übrigen aber, die sich nicht zu ihren Schiffen flüchten konnten, suchten in einem Gebäude Schutz. Dieses schlossen die Friesen ein und berieten mit einander, was sie mit jenen machen sollten. Und als der eine das, der andere jenes gesagt hatte, redete ein Normanne, der Christ geworden war und lange Zeit bei diesen Friesen gelebt hatte, auch in dem damaligen Kampf ihr Führer war, auf folgende Weise die übrigen an: „O ihr guten Mitstreiter, es genüge für uns, bis hierher gekämpft zu haben, weil nicht unseren Kräften zuzurechnen ist, daß soeben wir paar Leute gegen so viele die Oberhand behalten haben, sondern der Gnade Gottes. Ihr wißt auch, daß wir völlig erschöpft sind und sehr viele von uns schwer verwundet; die aber welche hier innen stecken, sind in Verzweiflung. Wenn wir gegen sie den Kampf beginnen, werden wir über sie nicht ohne blutigen Sieg die Oberhand behalten, wenn sie aber stärker sind – denn wechselnd ist der Ausgang des Krieges – werden sie vielleicht nach unserer Niederlage unbekümmert abziehen, um wiederum zu schaden. Es scheint mir daher geratener, daß wir Geiseln von ihnen nehmen und einige von ihnen unverletzt zu ihren Schiffen gehen lassen, und inzwischen die Geiseln zurückbehalten, bis sie alles Vermögen schicken, das sie in den Schiffen aufbewahren, doch nicht ohne zuvor zu schwören, daß sie künftig nicht in das Reich des Königs Ludwig zurückkehren.“ Seinem Rat stimmten also die übrigen bei, empfingen Geiseln und erlaubten einigen, zu den Schiffen zu gehen. Jene schickten sehr viel Geld und erhielten die gestellten Geiseln zurück, doch erst nachdem sie, wie bemerkt, den Eidschwur geleistet hatten, künftig nicht in das Reich des Königs Ludwig zurückzukehren. Und darauf zogen sie in großer Verwirrung und mit großem Verlust, auch ohne Führer von jenem Gebiet ab.
R.Rau, Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, Bd. III, S.90-93.
Quellenart
Annalen
 
#2
Quellenangabe
Annales Bertiniani, MGH, SS rer. Germ. 5, S. 873.
Quellentext
Interea Rodulfus Nortmannus, qui multa mala in regno Karoli exercuerat, in regno Hludowici cum quingentis et eo amplius complicibus suis occisus est; Karolo vero residente secus Andegavis civitatem, non incerta relatione nunciatur.
Übersetzungen
Meanwhile the Norseman Hró?ulfr, who had inflicted many evils on Charles's realm, was slain in the realm of Louis with 500 and more of his accomplices. Charles got reliable news of this as he remained in his position in Angers.
Nelson, Janet L. (ed.), The Annals of St-Bertin (1991).
Quellenart
Annalen
 
#3
Quellenangabe
Annales Xantenses et Annales Vedastini, MGH, SS rer. Germ. 12, S. 32-33.
Quellentext
Ac non post multum temporis Ruodoldus, nepos predicti tiranni, qui transmarinas regiones plurimas regnumque Francorum undique atque Galliam horribiliter et pene totam Fresiam vastavit, in eadem regione, in pago Ostrachia, ab eadem gente cum quingentis viris agiliter interfectus est et, quamvis baptizatus esset, caninam vitam digna morte finivit.
Übersetzungen
Und nicht lange Zeit darauf wurde Roudold, ein Neffe des vorgenannten Tyrannen, welcher viele Küstenstriche jenseits des Meeres und das Reich der Franken auf allen Seiten und Gallien schrecklich und fast ganz Friesland verwüstet hatte, in derselben Gegend im Ostergo von eben diesem Volke nebst 500 Männern tapfer umgebracht und endete, obwohl er getauft war, sein hündisches Leben durch einen verdienten Tod.
R.Rau, Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, Bd. II, S.368-371.
Quellenart
Annalen
Literatur (Auswahl)
Coupland, Simon: From poachers to gamekeepers: Scandinavian warlords and Carolingian kings, in: Early Medieval Europe 7 (1998), S. 85–114.
Simon Coupland, "Carolingian Coinage and the Vikings" (2007), S. 97.
H. Halbertsma "Frieslands oudheid, Het rijk van de Friese koningen, opkomst en ondergang" ("Frieslands antiquity, Realm of the Frisian kings, rise and fall"). Utrecht 2000.
Rau, R. (ed.), Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte II, Darmstadt 1958.
Rau, R. (ed.), Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte III, Darmstadt 1960.
Akteur
 
#1
Name, Titel/Rang
Friesen unter der Führung des unbenannten christlichen Normannen
Rolle
Vertragspartner
Zugehörigkeit
Friesland
 
#2
Name, Titel/Rang
Kämpfer aus Rodulf Haraldssons Gefolge
Rolle
Vertragspartner
Zugehörigkeit
Normannen
Religiöse Konstellation
(Keine Auswahl)
Art der Übereinkunft
Garantie/Bürgschaft
Ort der Geiselstellung
Gebäude in Ostergo (vermutet wird die bei Pilgern beliebte Stadt Dokkum)
Geltungsbereich
Friesland
Weitere Sicherheitsinstrumente
Befristung
Ja
Personenangaben zu den Geiseln
 
#1
Geschlecht
(Keine Auswahl)
Antritt der Vergeiselung
ja
Aufenthaltsort der Geiseln
Ostergo
Schicksal der Geiseln
Terminus
Terminus 'Übereinkunft'
praestito sacramento